Erstmals ausführlich:
Der Regisseur über die Begegnung mit dem Pater
Er ging in der Familie ein und aus, die Tür stand ihm immer offen, er war ein gerngesehener Gast. Pater K. SJ stieg oft, wenn er in Heidelberg zu tun hatte, die Treppe hinauf in den obersten Stock in der Kleinschmidtstraße 4. Dort lebte die Familie meiner Mutter in eher einfachen Verhältnissen. Meine Großeltern, Elisabeth und Otto B., hatten vier Kinder, das jüngste der drei Mädchen war Mechthild, meine Mutter. Als sie neun Jahre alt war ist sie dem Pater vorgestellt worden. Das kleine Mädchen mit den leuchtenden Augen hatte die Erstkommunion gerade empfangen und ahnte nicht, dass sie ausgerechnet im Kreis ihrer eigenen Familie in der Falle saß. Der Mann im Priesterrock hatte ein Auge auf sie geworfen. Ich weiß noch genau, meine Mutter hatte das irgendwann einmal erzählt, wie eifersüchtig ihre eine Schwester immer auf sie gewesen sei, weil sie allein alle Aufmerksamkeit auf sich zog und oft auf dem Schoß des Herrenbesuches Platz nehmen durfte. “Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann…” Pater Franz K. hat Mechthild früh zum Opfer gemacht. Ein Entrinnen gab es für sie nicht. Für mich auch nicht, ich bin ihr jüngster Sohn. Die Geschichte meiner Mutter lastet bis heute auf den Schultern meiner Schwester, meines Bruders und auf mir. Zu gewaltig ist der Schaden, der ihr zugefügt wurde, was auch unser Leben, seit wir Kinder waren, mitgeprägt hat.
Mechthild sollte eigentlich ein Junge werden. Die Enttäuschung in der Familie muss groß gewesen sein, als nach zwei Mädchen abermals ein Mädchen zur Welt kam. Dabei hatte sich ihr Vater doch so sehr einen Jungen gewünscht, einen Stammhalter, der, um Gott zu preisen, Priester werden sollte. Die väterlichen Gebete wurden nicht erhört. Auf einer der ersten Fotografien, die damals von den drei Mädchen gemacht wurden, sitzt Mechthild, als Kleinste der drei Schwestern, in der Mitte und sieht aus wie ein Junge; mit ernstem Blick, die Haare streng gescheitert. Als sie am 18. September 1942 geboren wird, ist ihr Vater im Krieg und ihre Mutter überfordert. Der Glaube mag ihr geholfen haben, hart waren die Kriegsjahre als Frau mit drei kleinen Kindern. Mit dem Glauben, den einst ihr Mann mit in die Ehe gebracht hatte, kamen auch die katholischen Geistlichen in die Familie, Pater K. SJ war einer von ihnen. Der hochgewachsene Mann muss meiner Großmutter schwer imponiert haben. Mit ihm kam nach dem Krieg die Leichtigkeit und Freude zurück in die Familie. Die Heimkehr meines Großvaters 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft hatte den Alltag nicht leichter werden lassen. Oft stritten die Eheleute, sie waren sich die Jahre über fremd geworden. Meine Mutter hat das Familienleben durch die Streitereien ihrer Eltern als Hölle empfunden. Der liebreizende Mann im Priesterrock kam da wie gerufen und er kam gerne, wann immer es ging. Für Mechthild hieß das, so schreibt sie es in einem Brief an ihre älteste Schwester: “Wo war meine Familie, als ich im Kinderzimmer lag und Pater K. mit seinem Gewicht auf mir, seinen Schwanz zwischen meine Beine steckte und später auch dorthin, wo er eigentlich hingehörte? Meine Familie saß in der Küche und freute sich, weil dann eine Atempause in unserer Hölle möglich war.” Auf diesen Brief, den Mechthild vier Wochen vor ihrem Selbstmord verfasste, hat ihre Schwester nie geantwortet.
Der Jesuitenpater konnte in der Familie agieren, wie er wollte. Der Boden war ihm bereitet worden durch Pater Leppich SJ, ein sehr bekannter und beliebter Mann jener Jahre, eine Art katholische Führerfigur der 1950er Jahre. Der jesuitische Ordensbruder war als Wanderprediger unterwegs, Pater K. hatte sich seinen Ideen angeschlossen. Auf den Reisen von Marktplatz zu Marktplatz machte Leppich auch in Heidelberg Station, wenige Schritte von der Wohnung meiner Großeltern entfernt. Auf dem Platz vor der St. Bonifatius Kirche in der Heidelberger Weststadt hat er seine Reden geschwungen. Das hat meinem sehr gläubigen Großvater imponiert, so sehr sogar, dass er einen Aktionskreis gründete, um Leppich zu unterstützen und andere begeisterte Glaubensbrüder zusammen zu bringen. An 365 Tagen im Jahr wollten sie die Bibel lesen und danach leben. Diese Kreise gibt es noch heute, auch wenn Leppich, das “Maschinengewehr Gottes” wurde er in den Nachkriegsjahren genannt, längst gestorben ist. Sein Duktus war dem von Josef Goebbels ähnlich, er zog lauthals von Stadt zu Stadt, um gegen den Unglauben zu kämpfen, auf die Gefahr des Kommunismus hinzuweisen und ausgerechnet vor der “Bestie Sexualität” zu warnen. Das passte gut in die damalige Zeit. Pater Leppich hatte sich besonders der Kinder angenommen, so wie sein enger Weggefährte Franz K. SJ auf seine ganz eigene, skrupellos kriminelle Weise. Die Rede ist von einem Kinderschänder, das Wort bringe ich nur schwer zu Papier, warum nur?
Franz K. hat meine Mutter benutzt und ausgebeutet. Die Not und die Schmerzen des kleinen Mädchens müssen grausam gewesen sein. Allein der Gedanke daran ist für mich kaum zu ertragen. Bis zur Hochzeit meiner Eltern 1962 war Mechthild ihm hörig. Die Beichte half dem Geistlichen dabei, das gläubige Mädchen und die spätere junge Frau unter Kontrolle zu halten. Das ging sogar so weit, dass K. als Pater meine Eltern in der St. Bonifatius Kirche getraut und gesegnet hat. Seine Unterschrift steht im Familienstammbuch meiner Eltern. Das macht die Macht dieses Mannes überdeutlich. Für Mechthild war ein Entkommen nicht möglich. Was ihr passiert ist, passiert in vielen Familien, in sehr vielen. Unweigerlich kommt die Frage auf, was wussten ihre Eltern davon, was ihre Geschwister? Das ist eine sehr schwierige Frage, die keine einfache Antwort erwarten lässt. Als sich Mechthild am 4. Februar 1996 im Altern von 53 Jahren mit Tabletten selbst vergiftet und erbärmlich stirbt, drückt sich mit ihrem Selbstmord die grausame Vergangenheit dieses Verbrechens an die Oberfläche. Ich war damals 28 Jahre alt und konnte als ihr jüngster Sohn kaum überblicken, was es tatsächlich heißt, unter diese Oberfläche zu gucken und sich für dieses finstere Kapitel unserer Familiegeschichte zu interessieren. Jede Familie hat ein Geheimnis, davon bin ich überzeugt, in meiner ist es der für mich rätselhafte Tod meiner Mutter. Rätselhaft deshalb, weil niemand nachgefragt hat, warum sie sich das Leben nahm. Es wurde als Tatsache akzeptiert, es ist halt so. Ein sehr bequemer Weg. Nur ich bin ihn nicht gegangen und habe keine Ruhe gegeben. Beunruhigt hat mich das, was meine Mutter hinterlassen hat. Sie hatte eine grüne Mappe mit einem Gedicht, ein übergroßes Foto von ihr als Mädchen in weißem Kleid bei der Erstkommunion, bewusst bereitgelegte Tagebücher und einige Briefe hinterlassen. In ihrem Abschiedsbrief bittet sie um Verzeihung und schreibt, dass sie gescheitert sei, ganz und gar. Das schockiert mich noch heute. Warum hatte sie nur das Gefühl versagt zu haben? Warum hat sie all die Dinge bereitgelegt, was will sie damit sagen? Ich musste den Grund für ihren Freitod in Erfahrung bringen. Mit der Ungewissheit hätte ich nicht weiterleben können. So begann ich Fragen zu stellen. Das führte mich zu ihren beiden Schwestern, zu Freundinnen und Kolleginnen meiner Mutter, auf Ämter und in ein katholisches Jugenddorf. Die Recherchen haben mehr als ein Jahr gedauert.
Die Geschichte, die sich mir nach und nach darbot, ist so brutal und niederträchtig, dass man schier verrückt werden kann. Es ist der ganz normale Abgrund einer ganz normalen Familie. Erschreckende Normalität. Das gesellschaftliche Ausmaß, wie weit solche Taten verbreitet sind und geduldet werden, wird mir erst richtig bewusst durch ausführliche Recherchen über sexuellen Missbrauch und das immergleiche Wegschauen. Ich beginne mich 2005 filmerisch mit dem Thema auseinander zu setzen. Auch meine beiden Tanten, die Schwestern meiner Mutter Elisabeth G. und Christel B., sind bereit mit mir vor der Kamera über Mechthild und ihre Familie zu sprechen. Das fand ich sehr mutig. Was für Konsequenzen der spätere Dokumentarfilm, den ich dazu gemacht habe, für mich haben würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Reise quer durch Deutschland, in die Türkei und nach Paris wurde zu einer Reise nach Innen, an den Rand des Abgrundes, an dem es für meine Mutter kein Zurück mehr gab. “Ich glaube, ich war so elf oder zwölf”, notiert sie in einem ihrer Tagesbücher, “es war ein kalter Tag. Meine Mutter hatte mir am Morgen vorgelesen, dass ein Mädchen am Neckar überfallen und ermordet worden war. Ich ging auf dem Weg zur Schule in Heidelberg am Neckar entlang und dachte mir, ach, wenn ich doch auch nur umgebracht würde.” Die Ausweglosigkeit, Jahrzehnte später zu Papier gebracht, hatte in den 1950er Jahren niemand bemerkt oder bemerken wollen. Mechthild hat schwer gelitten und ausgerechnet Pater K. war ihr Vertrauter. Lange habe ich mit mir gerungen und mich gefragt, ob ich ihn aufsuchen sollte und was das womöglich mit mir selbst macht?
Ich habe es dennoch getan und Franz K. ausfindig gemacht. Nicht nur für den Film, auch für mich. Ich wollte ihn sehen, ihn atmen hören, und wirklich wissen, wie er mit seiner Schuld umgeht? Meine Mutter ist tot, sie hat sich mit 53 das Leben genommen, er lebt, mit über 92 in einem Altenheim. Der Zugang zu ihm ist leicht, Verdacht schöpft niemand. Ich frage nach Franz K., sage, ich wolle ihn, einen früheren Freund meiner Familie, besuchen. In wenigen Augenblicken werde ich ihm gegenüber stehen, ihm direkt ins Gesicht schauen. Herr K. sitzt im Rollstuhl, die Tür zu seinem Zimmer steht offen, er erwartet mich bereits, die Empfangsdame hatte mich telefonisch angekündigt. Dritter Stock, nehmen Sie den Fahrstuhl da hinten, gibt sie mir mit auf den Weg. Ob ich ihn erkennen werde? Ich kenne ihn ja nur durch sein Wirken und zwei, drei alte Fotografien. Darauf ist ein Mann in schwarzer Soutane und weißem Kragen zu sehen. Eine durchaus charismatische Erscheinung; durchdringende Augen, breites Grinsen, mit akkurat rasierten Haaren und einer auffälligen Zahnlücke. Ich klopfe an die offenstehende Zimmertür, trete ein, und er dreht sich mir entgegen. Die Reifen seines Rollstuhls quietschen auf dem sterilen Linoleumboden. Franz K. lächelt freundlich. Ist das der Mann, der meine Mutter …? Ich mag es kaum denken, geschweige denn aussprechen. Ich atme ganz flach, bin innerlich aufgewühlt, anzumerken ist mir das aber nicht. Als ich näher trete, verrät ihn nichts. Den Kinderschändern in schwarzem Gewand sieht man ihr brutales Wesen nicht an, das weiß ich aus einer Vielzahl von Berichten. Wie beginne ich nur das Gespräch mit ihm?
Ich versuche es so, sage Herrn K., ich würde ihn besuchen kommen, weil er meine Mutter kannte. Das freut ihn sichtlich, er lächelt mir zu und ich erhalte Gewissheit. Er ist es. Sein Lächeln verrät ihn, besser gesagt seine auffallende Zahnlücke. Jetzt sitzt er in der Falle, denke ich. “Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.” Mit seinem Rollstuhl kommt er nur beschwerlich vom Fleck. Es gibt kein Entkommen, er wird mir zuhören müssen, so viel steht fest. Ich starre auf seine Zahnlücke am Oberkiefer. Der fehlende Schneidezahn oben rechts beschäftigt mich. Franz K. wird mir später erzählen, dass er sich den Zahn bei einem Motorradunfall in den 1950er Jahren ausgeschlagen habe. Ist das glaubhaft? Ich denke an meine Mutter, wie sie als erwachsene Frau versucht hat sich gegen den allmächtigen Pater zur Wehr zu setzen. Als der sexuelle Missbrauch durch eine langwierige Therapie aus den Tiefen ihrer Seele nach oben gespült wurde, ist meine Mutter wütend geworden. Sehr wütend. Zusammen mit meinem Vater sucht sie den Pater auf und will ihn zur Rede stellen. Es sollte eine Art Befreiungsschlag werden. Sie wollte die Last, die auf ihrer Seele lag, loswerden. Genützt hat es nichts. Die Begegnung mit K. war für meine Mutter als knapp 30-jährige Frau nur eine weitere Demütigung. “Was willst du denn mit der”, hat der Pater zu meinem Vater gesagt. “Schau’ sie dir doch an, die ist doch total verrückt.” Die schweren Anschuldigungen prallen an ihm ab. Erneut muss meine Mutter, auch noch in Gegenwart ihres Ehemanns, Demütigungen hinnehmen. Es muss für sie wie ein erneuter Schlag ins Gesicht gewesen sein. Später hat sie Franz K. abgepasst und auf ihn geschossen. Sie hatte ihn aber verfehlt.
In Mannheim lernte meine Mutter den Beruf der Krankenschwester. Sie trug auch später noch diese weiße Haube auf dem Kopf, wenn wir Kinder sie im Krankenhaus besucht hatten. Überschattet werden diese Jahre von starken Migräneanfällen, die sie immer wieder geißeln sollten. Die Attacken gingen manchmal tagelang, sie musste starke Medikamente schlucken, die Rollläden herunterlassen und das Bett hüten. Wie sehr sie in der Vergangenheit gefangen war, wird ihr erst klar, als sie eine Psychoanalyse beginnt, die einen erschreckenden Kern freilegt. Es kommt heraus, dass sie in ihrer Kindheit jahrelang sexuell missbraucht wurde. Ihr ganzes bisheriges Leben steht Ende der 1960er Jahre Kopf. Ihr innerer Krampf findet im äußeren Kampf eine Entsprechung. Große Wut steigt in ihr auf. Doch auch Hilflosigkeit. Ihre Schmerzen versucht sie zu betäuben, so erzählt es eine Jugendfreundin von ihr. Wenn Mechthild die Schmerzen gar nicht aushielt, spritzte sie Patienten, die starke Betäubungsmittel bekamen, eine andere Flüssigkeit, um das Mittel für sich zu nehmen. Das war die Zeit vor der Pistolenattacke auf den Pater. Wenn ich mir das so vorzustellen versuche, klingt das für mich so, als habe eine Zeitbombe in ihr getickt. Als sie auf den Pater schießt, war sie zu allem bereit, auch für die Tat ins Gefängnis zu gehen. Franz K. hat es erneut geschafft, obwohl der Schuss in aller Öffentlichkeit stattfand, alles unter Kontrolle zu halten. Die Attacke blieb für ihn ohne Folgen. K. konnte, ganz der Geistliche in schwarzem Gewand, meine Mutter als verwirrt darstellen, mögliche Passanten beruhigen. K. nahm Mechthild die Waffe aus der Hand, spielte sich als ihr Seelsorger auf, alles in Ordnung, das war nur eine Schreckschusspistole, es ist nichts passiert. So oder ähnlich kann es gewesen sein. “Kind, was machst du da?”, soll er dann zu ihr gesagt haben. Sie hat ihm Gewalt antun wollen, war bereit dafür ins Gefängnis zu gehen, damit das alles endlich ein Ende hat.
Das ist lange her, doch nicht vergessen. Jetzt bin ich es, der ihm begegnet, fast 50 Jahre später. Meine Mutter kann ihm nichts mehr anhaben, sie ist tot. K. lebt und ahnt nicht, wer ich bin und warum ich ihn besuchen komme. Ich taste mich langsam vor, zeige ihm das blaue Stammbuch meiner Eltern und frage, ob das da seine Unterschrift sei unter dem Dokument zur kirchlichen Trauung meiner Eltern? Er hält sich das Dokument nah vor die Augen, prüft die Schrift und nickt. Ich ziehe Fotografien hinzu, zeige ihm meine Mutter als Kind und junge Frau. Als ich dann noch ihren Namen nenne, flackern Erinnerungen in ihm auf. Die Mechthild, sagt er, na klar erinnere er sich. Wie könnte er die vergessen! Ich bleibe kühl, versuche ruhig neben ihm zu sitzen, auch wenn mir die Worte meiner Mutter in den Sinn kommen. Ich höre noch, wie sie erzählt: „Ich musste mich dann immer hinknien und er hat seine Stola umgezogen und wir mussten dann beide Gott um Verzeihung bitten. Ich denke, das ist das perverseste, was es überhaupt geben kann. Aber das Schuldgefühle, das ich da entwickelt habe, begleitet mich durch mein ganzes Leben.“
Das sind ihre eigenen Worte, ihre Stimme auf einer Kassettenaufnahme, die ich nach ihrem Tod gefunden habe. Lange habe ich überlegt, ob ich das benutzen darf für den Film. Ich habe mich dafür entschieden, da nur das deutlich machen kann, wie die katholische Schuldschlinge funktioniert, wie gefangen ein Mensch in diesem System sein kann, das den Glauben benutzt und die eigene Autorität durch die Beichte immer wieder zu wahren weiß. Überlebt hat meine Mutter den Missbrauch nicht. Mit 53 hat sie es nicht mehr ausgehalten. Immer wieder wurde sie von der Geschichte heimgesucht. Als Kind ist sie regelrecht abgestorben, innerlich zu Tode gekommen. So konnte der Pater mit ihr machen, was er wollte. Dieses Trauma hat sie ihr Leben lang mitgeschleppt, verdrängt und abgespalten, so als ob es nie stattgefunden hätte. Das war die Überlebensstrategie des kleinen Mädchens in ihr, das sie immer geblieben ist, auch als erwachsene Frau. Ihre späteren Liebhaber, das ist mir nach ihrem Tod aufgegangen, waren immer wesentlich jünger als sie selbst. Sie wollte sich nie mehr von einem älteren Mann beherrschen lassen. Ihre Stimme auf der Kassette ist mir noch immer vertraut. Die Aufnahme ist im Rahmen einer ihrer Ausbildungen zur Gestalttherapeutin entstanden. Jeder der Teilnehmer hatte sich, damals Anfang der 1990er Jahre, für diese Ausbildung persönlich einzubringen. Nur wer seine eigene Geschichte kennt, kann anderen helfen mit den Belastungen der Vergangenheit umzugehen. Auf einem dieser Mitschnitte redet Mechthild von Gott, den sie um Verzeihung bitten musste, und sie redet von Schuldgefühlen. Für das Leben eines Missbrauchsopfers ist das geradezu typisch; das Gefühl, selbst Schuld zu sein, das plagt Betroffene ihr ganzes Leben. Aus der Schuldschlinge kommt kaum jemand heraus, am wenigsten die, die von Männern der Kirche missbraucht wurden. Wem glaubt man mehr, einem kleinen Mädchen oder einem angesehenen Jesuitenpater? Das sind ja gebildete, weltgewandte Männer. Die Predigten seien immer ganz ausgezeichnet, schwärmt meine eine Tante, die vier Jahre ältere Schwester meiner Mutter, noch heute von den Jesuiten. Die Sorge um die Erziehung der Jugend, so ist in den Statuten der Jesuiten zu lesen, sei ein Kernelement jesuitischen Selbstverständnisses. Seit dem 16.Jahrhundert investiere der Orden einen Großteil seiner Kraft in so genannte “Kollegien”, das sind Schulen unter jesuitischer Leitung. Pater K. und viele andere Kinderschänder waren und sind im Dienste des Glaubens und für Gerechtigkeit unterwegs. Doch Gerechtigkeit hat meine Mutter nie erfahren. Als Kind musste sich benutzen lassen und glaubte, dass das nicht falsch sein kann. Trotz der Schmerzen. Eine Entschuldigung hat sie Zeit ihres Lebens nicht bekommen. Mein Film ist ein Versuch, ihr ein wenig das Menschsein und die Würde zurückzugeben und damit auch vielen anderen Opfern.
Die Gewalt, die meiner Mutter angetan wurde, hat den Tod in sie gesetzt. Sie war dem Tod immer näher als dem Leben. Das eint alle Opfer und verbindet auch die Angehörigen miteinander. Missbrauch zieht weite Kreise, unbeschadet kommen keine Schwester, kein Bruder, kein Sohn und keine Tochter, nicht die Eltern, die Eheleute und Partner davon. Sie alle werden vom Missbrauch mit beschädigt und geschädigt. So wird die Gewalterfahrung und der emotionale Schaden von einer Generation zu nächsten weitergereicht. Auch meine Schwester hat versucht sich das Leben zu nehmen, sie hat es überlebt und ist froh darum. Ihr geht es heute wieder gut. Doch was bleibt ist der Schmerz, die Tränen und die Wortlosigkeit über die Geschichte unserer Mutter. Das Schweigen macht krank. Auch ich bin nicht frei davon. Mechthild ist tot und der Mann, der ihr das angetan hat, sitzt neben mir und lächelt mich entwaffnend freundlich an. Von seinem Charisma hat er nichts eingebüßt, er lächelt so wie auf den schwarz-weiß Fotografien der 1950er Jahre. Meine Mutter war damals ein Kind, er ein Mann von 37, im besten Alter. Seine Verbrechen konnte er geschickt vertuschen, die Beichte half ihm dabei. Er genoss großes Vertrauen. Aus heutigen Untersuchungen weiß man, Kinder brauchen bis zu acht Anläufe, bis ihnen ein Erwachsener richtig zuhört und vor allem glaubt. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Pater K. hat geschafft, was viele geschafft haben. Die ungeheuerlichen Verbrechen an Kindern sind jahrzehntelang nicht ans Licht gekommen. Pater K. ist bis heute unbehelligt geblieben. In seinem Zimmer im Altenheim hängt ein Kreuz an der Wand. Der leidende Blick des gekreuzigten Jesus schaut einen von oben herab an. Das hölzerne Bildnis als ewige Mahnung, wir haben uns alle schuldig gemacht. Der Sohn Gottes ist für uns gestorben, weil wir gesündigt haben und nur die Kirche kann uns durch die Beichte erlösen.
Als ich mich traue den Pater direkt auf seine Schuld ansprechen und ihn des sexuellen Missbrauchs bezichtige, “spielt” er den Verwirrten. Bei anderen Fragen, etwa der nach dem Grundriss der Wohnung meiner Großeltern in Heidelberg, ist der 92-Jährige erstaunlich klar im Kopf und sehr genau. Täter haben etwas Kaltes, Abgebrühtes an sich. Ein Unrechtsbewusstsein haben sie nicht. Sie streiten ab, solange es geht. Schuld oder gar Reue erkenne ich bei ihm nicht. Erst als ich ihm berichte, meine Mutter habe sich mit 53 das Leben genommen, entgleisen ihm die Gesichtszüge. Geschockt platzt es aus ihm heraus: “Hoffentlich hat sie sich nicht meinetwegen umgebraucht. Hoffentlich war ich daran nicht beteiligt.” Verräterische Worte? Die Essenz unserer Begegnung fällt mager aus, drei Stunden vergeudete Zeit? „Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er?“ Franz K. ist weder gefallen, noch hat er geschrien. Und überrascht ist er schon gar nicht von der Schwere der Anschuldigungen. Warum sollte er sich entschuldigen? Meine Mutter wollte ihm Gewalt antun, das ist nicht mein Weg. Was bringt das? Ich bin kein Racheengel, auch wenn ich wütend auf den Mann sein kann. Aber ich empfinde auch Wut auf meine Mutter, weil sie uns verlassen hat.
Beim Gehen schaue ich mich noch einmal im Zimmer von Pater K. um. Auf einem Wandregal stehen einige gerahmte Fotos. Darauf sind eine ältere Frau und eine jüngere zu sehen, offensichtlich Mutter und Tochter. Das sei der Grund, sagt er, warum er den schwarzen Rock an den Nagel gehängt habe. Anfang der 1970er Jahre hätte er geheiratet, seine Frau sei schwanger gewesen. Frau, Pater, Zölibat? Später recherchiere ich das nach und sehe, dass er letztmalig 1969 im Verzeichnis des Jesuitenordens auftaucht. Sein Name ist verschwunden. Das erklärt dann wohl auch, warum er nicht, wie sein einstiger Weggefährte Pater Leppich SJ, in einem Jesuitenkolleg alt wurde, sondern sich mit einem normalen Altenheim zufrieden geben musste. Das schmerzt ihn bis heute. Er bereut es, den Orden verlassen zu haben. Innerlich ist er noch immer ein “Gefährte Jesu”, ein Pater Societas Jesu. Im Altenheim in der Nähe von Gießen ahnt niemand, was Franz K. früher einmal für einer war. Seltsam erscheint mir, dass er ausgerechnet in der Zeit den Orden verlässt, als meine Mutter auf ihn schießt. Ein Zufall? Hat der Orden einen großen Skandal zu verhindern gewusst, in dem die oberen Brüder dem Pater K. SJ den Rücktritt nahelegten? Das bleibt Spekulation. Denkbar ist es, denn die katholische Kirche hat bisher immer wieder versucht die Missbrauchsfälle unter Verschluss zu halten. Erst ab 2010 war das so nicht mehr möglich. Verdecken, Vertuschen und Verleugnen hat nicht mehr funktioniert. Was einer breiten Öffentlichkeit aber bislang verborgen blieb: seit 2002 hat die katholische Kirche intern so genannte Missbrauchsbeauftragte berufen, um die Vielzahl der Fälle, die ihnen bekannt wurde, zu untersuchen und kirchenintern zu regeln. Das haben sie solange getrieben, bis der Knoten förmlich platzte. Der Schulleiter des Canisius-Kollegs in Berlin hat für einen Moment das jahrhundertealte Schweigekartell für einen Moment durchbrochen und sich an die Öffentlichkeit gewandt.
An Franz K., den früheren Pater K. SJ, ging die ganze Entwicklung spurlos vorüber. Im Besuchercafé des Altenheims wird Bohnenkaffee und Torte gereicht. Ich bin noch nicht fertig mit ihm. Wir fahren gemeinsam mit dem Fahrstuhl nach unten. Der 92-jährige Mann findet zu seiner Leichtigkeit zurück, unbekümmert isst er ein Stück Sahnetorte und trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee. Ich bezahle. Über meinen Besuch hat er sich gefreut. Eine Abwechselung. Viel Besuch bekomme er ja nicht gerade, meint er. Seine Tochter habe sich länger nicht bei ihm blicken lassen. Staatsanwältin sei sie und habe einen neuen Freund, erzählt er. Seine Frau sei vor fünf Jahren gestorben. Wir sitzen an der Kaffeetafel, um uns herum ein gutes Dutzend anderer Heimbewohner und ihre Gäste. Das wäre für mich die Gelegenheit, ihn vor all den Leuten als Kinderschänder bloß zu stellen. Nur, was würde das ändern? Während ich noch darüber nachdenke, höre ich ihn erneut über meine Mutter reden. Ich traue meinen Ohren kaum, was redet der da schamlos? Franz K. meint, er werde Mechthild später im Himmel wieder sehen, und während er das sagt, zeichnet er mir mit seinem rechten Daumen ein Kreuz auf die Stirn. Unglaublich. Wie geschockt sitze ich da, will nur schnell weg von hier. Und genau in diesem Moment habe ich begriffen, wie das Schweigen über so viele Jahre funktioniert hat. Er hat versucht, mich mit ins Schweigen einzubinden, in das archaische Schweigen der Kirche. Doch diesmal hat es nicht funktioniert. Ich habe nicht geschwiegen, sondern geredet und die Geschichte meiner Mutter öffentlich gemacht. Ihre Geschichte ist auch Teil meiner Geschichte. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Ich habe es gewagt, die ungute Tradition des Schweigens zu durchbrechen und damit eine gesellschaftliche Diskussion mit angestoßen. Das war noch vor der öffentlichen Wahrnehmung der ersten Missbrauchsfälle in katholischen und zum Teil staatlichen Einrichtungen. Am 2009 und 2010 lief mein Film bundesweit in die Kinos gestartet, 2011 wird er im Fernsehen zu sehen sein. Was es heißt, sich öffentlich zu äußern, habe ich als Filmemacher von katholischer Seite immer wieder zu spüren bekommen, sowohl gesellschaftlich und auch innerfamiliär.
Die katholische Zeitschrift “Filmdienst” veröffentlichte zum Kinostart eine Kritik über meinen Film, in der es heißt: “Mechthild hat Schlaftabletten genommen. Keine lebenserhaltenden Maßnahmen stand im Abschiedsbrief. Kann ein Film über eine Tote nicht auch lebensverlängernd sein? Worin liegt der Sinn, ein Leben, die schönen und schwarzen Momente, noch einmal aufzurollen?” Ich habe mich mit dem Film schuldig gemacht, so verstehe ich die Botschaft dieser Kritik. Schuld, die alte katholische Stereotype. Durch die Beichte hätte ich Entlastung bekommen können. “Und vergebe uns unsere Sünden, so vergeben wir unseren Sündigern.” Das geht aber nicht, ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich wollte das alles nicht länger mittragen. Wie weit das Schweigen reicht, erlebe ich in meiner eigenen Familie. Meine Tanten mütterlicherseits, die beiden älteren Schwestern meiner Mutter, haben zwar vor der Kamera mit mir über die Familie gesprochen. Mit dem fertigen Film wollen sie aber nichts zu tun haben. Die eine Tante hat mir, noch bevor sie sich selbst überhaupt ein Bild von dem Film machen konnte, eine Unterlassungsklage und Einstweilige Verfügung angedroht. Sie fühlt sich hintergangen. Von einer Veröffentlichung sei nie die Rede gewesen, behauptet sie steif und fest. Meine andere Tante hat es vorgezogen, mich und den Film ganz zu ignorieren. Es sei alles so lange her, sie habe mit der Geschichte abgeschlossen. Nicht, dass sie es mir persönlich sagt, es wird mir vielmehr über meine Schwester mitgeteilt. Jetzt bin ich also das schwarze Schaf in der Familie, werde gemieden und isoliert. Da wiederholt sich etwas. Erst war meine Mutter das schwarze Schaf, nun bin ich es offenbar. Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Ausgerechnet die einstige Lieblingsschwester meiner Mutter war auch immer meine Lieblingstante. Eine Analogie. Wie weit die katholische Prägung tatsächlich geht, habe ich erst durch den Film erfahren und begriffen. Für die älteste Schwester meiner Mutter, die den Katholizismus ihres Elternhauses noch überhöht hat, ist die Selbsttötung von Mechthild eine Todsünde. Der Missbrauch aber, die Gewalt, die ihrer jüngeren Schwester angetan wurde, wird geleugnet und in Abrede stellt. Der Glaube ist Lebensinhalt, alles wird davon abgeleitet. Ein für mich sehr enges Weltbild. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Als erwachsene Frau hat meine Mutter, so wie ich jetzt, die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Immer wieder machte sie ihren Eltern Vorhaltungen. Wer das Schweigen bricht, wird nicht nur gesellschaftlich ausgegrenzt, sondern auch familiär. Noch eine Analogie. Jetzt verstehe ich, warum so viele Betroffene nach wie vor Schweigen. Sie schweigen nicht, weil sie nicht reden könnten, sondern weil die Gesellschaft sie sonst ausgrenzt, verurteilt, verachtet und kaltstellt. So ist es meiner Mutter ergangen und auch mir. Und ich bin nicht einmal direktes Opfer, sondern nur ein Angehöriger eines Missbrauchsopfers, dem mögliche Klagen drohen.
Die beiden Schwestern meiner Mutter sind wütend auf mich. Ich habe durch meinen Dokumentarfilm, klagt mich die ältere an, der Familie einen nicht wieder gutzumachenden Schaden zugefügt. Eine juristische Auseinandersetzung ist bisher aber nicht geführt worden. Es blieb bei der Androhung. Doch das zeigt, die Geschichte, auch mehr als 50 Jahre nach dem Missbrauch meiner Mutter, ist noch immer nicht vorbei. Bis heute sitzt die düstere Vergangenheit meiner Familie im Nacken. Geschwiegen und geleugnet wird weiterhin, da hat auch der Film nichts dran ändern können, auch wenn die im Film angedeuteten Vorwürfe innerfamiliär alle schon vorher bekannt waren.
Meine Mutter, so bewerte ich die ihre Geschichte, hat es nicht länger ausgehalten, sie hat sich im Frühjahr 1996 selbst getötet. Können wir den Kreislauf durchbrechen? Meine Schwester wollte sich das Leben nehmen, mein Bruder wirkt in sich gefangen, er zieht es vor, über alles zu schweigen. Meine beiden Tanten schweigen auch. Im Film hatten sie noch versucht, darüber zu reden, mittlerweile sind sie aber zur Überzeugung gelangt, dass der Missbrauch so in ihrer eigenen Familie nie hätte stattfinden können. Dass meine Mutter als 14-Jährige und später 16-Jährige schwanger war und vom Jugendamt die öffentliche Erziehung angeordnet wurde, wird nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, es wird abgestritten. In den Akten des katholischen Jugenddorfes Klinge, das interessanterweise von Pater Leppich SJ finanziell großzügig unterstützt wurde, ist von “Milieuschädigung” die Rede, vermerkt ist auch, dass meiner Mutter der Magen ausgepumpt werden musste, weil sie Tabletten geschluckt und versucht hatte sich umzubringen. Was heißt überhaupt “Milieuschädigung”? Eine weitere Merkwürdigkeit in der katholisch geprägten Familie meiner Großeltern: 1950 kommt der langersehnte Sohn zur Welt. Der Wunsch der Eltern wurde von Gott erhört, Bernhard B. sollte ihm die Ehre erweisen. Ein eigenes Leben hatte er nie. Bernhard gilt als schizophren, er lebt in einem betreuten Wohnprojekt und hat mit der Familie auf seine Weise gebrochen. Bis heute. Mein Onkel sollte Priester werden. Das war der große Wunsch seines Vaters. Bernhard gehorcht, macht als einziges Kind der Familie Abitur, schlägt die für ihn auserwählte Richtung ein und geht ins Priesterseminar nach Freiburg. In den 1960er Jahren ist dann dort etwas passiert, was mir meine Mutter eher beiläufig mal erzählt hatte. Ihr Bruder sei durchgedreht, nackt ausgezogen haben soll er sich und das in einem Gottesdienst. Danach ist er jahrelang in der Psychiatrie gewesen. Auch darüber wird wenig geredet, auch das wird als Tatsache hingenommen, es ist halt, wie es ist. Mein Onkel, wer weiß, was er als kleiner Junge von dem Missbrauch mitbekommen hat, ist verrückt, meine Mutter tot. Schon seltsam, wie wenig über so etwas gesprochen wird. Das kann doch nicht nur mir auffallen?
Als kleines Mädchen musste sich meine Mutter nicht nur von einem Jesuitenpater befingern, betatschen und sexuell missbrauchen lassen, sondern sich auch die Brutalität und den Schmutz dieses Paters von der Seele beichten. Das hat sich tief in ihre Kinderseele gebrannt, dass sie sich auch als erwachsene Frau nie wirklich davon befreien konnte. Papst Benedikt XVI hat viel zu lange über den Missbrauch in seiner Kirche geschwiegen. Und er tut es noch immer. Seit dem 15. April 2010 liegt dem “heiligen Vater” mein Film vor, das wird mir vier Monate später vom Staatssekretariat des Heiligen Stuhls bestätigt. Im “hohem Auftrag”, heißt es in einem Schreiben von Assessor Magr. Peter B. Wells, wird für die “aufmerksame Geste” gedankt und mir “Segenswünsche und freundliche Grüße” übersandt. Aufmerksame Geste? So war mein Film nicht gemeint, eine Entschuldigung für das Leid, was meiner Mutter von einem Ordensbruder der Jesuiten zugefügt wurde, wäre angebracht gewesen. Die Jesuiten sind ja traditionell in besonderer Weise mit dem Papst in Rom verbunden. Der „heilige Vater“ hat sich aber nicht geäußert, nicht zu meinem Film und schon gar nicht zum Fall meiner Mutter. Sie ist tot und gehört so mit zu einer Dunkelziffer, die unter den Tisch fällt, auch wenn alle Opfer sexueller Gewalt den Tod und die Suizidgedanken in sich tragen und auch nachfolgende Generationen sich nur schwer davon freimachen können.
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"Nazi-Verbrechen
verjähren nicht, das ist gut so. Und genau so muss
es sein, das sexuelle Gewalt nicht verjährt. Aber in
Deutschland ist sexuelle Gewalt ge-gen Kinder kein Verbrechen,
es ist nur ein Vergehen. Raub und Drogenhandel sind Verbrechen,
nicht aber sexuelle Gewalt gegen Kinder. Der Gesetzgeber
ist aufgefordert, endlich Reformen zu schaffen."
Jurist Georg Ehrmann, Deutsche Kinderhilfe
e.V.
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